ADS und Allergie – gibt es einen Zusammenhang?

Eine weitere auffallend häufige Komorbidität des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms, die aber bisher noch zu wenig beachtet wurde, ist die Allergie. Nach meiner Statistik aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis leiden von den ADS-Kindern mit oder ohne Hyperaktivität etwa doppelt so viele an einer allergischen Erkrankung, als von den Kindern ohne ADS. Das würde aber auch bedeuten, dass unter den Kindern, die an einer Neurodermitis, einem Heuschnupfen, einer Hautallergie oder einem Bronchialasthma leiden, überdurchschnittlich häufig eine Komorbidität mit ADS vorliegen müsste.

Dabei beeinflussen sich ADS und allergische Erkrankung in ihrer Schwere gegenseitig, beides sind Tatsachen, für die es in der Praxis immer wieder Beweise gibt. Was könnte die Ursache dafür sein?

Stress und dauerhafte psychische Belastungen schwächen das körpereigene Abwehrsystem (Immunsystem), dagegen führt eine psychische Stabilisierung zur Verbesserung der Immunabwehr und somit zur Besserung allergisch bedingter Krankheiten.

Das ADS-Kind mit ausgeprägter Symptomatik lebt von Anfang an im Stress. Aufgrund seiner angeborenen Regulationsstörung mit der Reizoffenheit, seiner emotionalen Steuerungsschwäche mit folglich verändertem Verhalten, seinem gestörten Schlaf-Wachrhythmus und seiner Impulsivität irritiert es manchmal schon als Säugling seine Eltern. Diese reagieren oft hilflos und unangemessen, was die psychische Belastung des Kindes noch verstärkt.

Infolge der Dauerstress-Situation kommt es beim jungen Säugling schon zur vermehrten Cortisolausschüttung, die die Nebennierenrinde veranlasst, Adrenalin in die Blutbahn abzugeben, was eine Stressreaktion auslöst. Ein erhöhter Cortisolspiegel im Blut führt wiederum zum Abfall des Serotoninspiegels, was zu starken Stimmungsschwankungen führen kann. Das Zentrale Nervensystem beeinflusst außerdem über Hypothalamus und Limbisches System (beides wichtige Zentren für die Gefühls- und Verhaltenssteuerung) das körpereigene Abwehrsystem.

In der Vergangenheit widmeten sich schon mehrere wissenschaftliche Arbeitsgruppen dem Zusammenhang von Störungen des Zentralnervensystems auf der Ebene der Botenstoffe und der Immun- und Infektabwehr. Ein Thema, dessen Aktualität mit der ADS-Forschung wieder an Bedeutung gewinnen wird.

Eine Schwächung des Abwehrsystems bedeutet, dass einmal Infektionen nicht ausreichend abgewehrt werden können und das Antigene in den Körper eindringen können mit der Folge einer Antigen-Antikörper-Reaktion, deren Ergebnis eine Allergie ist. Antigene sind körperfremde Substanzen, die über eine Antigen-Antikörper-Reaktion eine Allergie verursachen, wenn sie ungehindert und in größerer Menge in den Körper eindringen.

Besteht bei einem ADS-Kind schon eine Allergie, so kann sich diese durch seine psychische Belastung verschlechtern. Die psychische Belastung ist beim ADS Folge der kognitiven, emotionalen und sozialen Defizite mit der inneren Verunsicherung des Kindes, seiner Ängste, Aggressionen, sozialer Ausgrenzung und seiner Hilflosigkeit. Eine erfolgreiche Behandlung der ADS dagegen führt zur psychischen Stabilisierung, wobei die Allergie sich vorübergehend bessern kann oder manchmal sogar ausheilt. Eine Beobachtung, die man bei der Behandlung von ADS-Kindern immer wieder machen kann, wenn man nur darauf achtet.

Die Allergiker, die auch gleichzeitig noch ein ADS haben – und das sind nicht wenige – profitieren in doppelter Hinsicht von einer erfolgreichen ADS-Behandlung. Deshalb sollte man dieser Komorbidität in Zukunft mehr Beachtung schenken. Sie ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, dass Körper und Psyche immer eine Einheit bilden und die Haut eine Spiegelbild der Seele ist.

Dr. Helga Simchen

Literatur:
1. Beyreiß J; Roth N, Beyer H, Kropf S, Schlenzka K, Schmidt A, Roscher G: Coincidence of immune (atopic dermatitis) and behavioral (attention deficit) disorders in Children: empirical data. Activ Nerv Super 1988; 30: 127 – 128
2. Livnat S, Felten SY, Carlson SL, Bellinger DL, Felten DL. Involvement of periphal and central catecholamine systems in neural immune interactions. J Neuroimmunal 1985; 10:5-30
3. Roth N: Stimulant effects and a hypothetical link between behavioral and immune functions Allergy (in press)
4. Roth N, Beyreiß J, Schlenzka K, Beyer H: Coincidence of ADD(-H) and atopic disorders in children: Empirical findings and hypothetical background. J. abnorm. Child Psychol. (in press)
5. Spallek R: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, ein kurzer Leitfaden zur Diagnostik und Therapie, Walter Verlag Düsseldorf und Zürich 2001