Was bedeutet ADS in Wirklichkeit? (3. Teil)

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität ist mehr als eine Störung der Konzentration und des Verhaltens.

A. Besonderheiten bei der Gehirnentwicklung

Beim ADS/ADHS handelt es sich um eine angeborene, typisch veränderte zentrale Wahrnehmungsverarbeitung, deren Ursache eine Funktionsstörung im Stirnhirn ist. Dadurch kommt es zur Reizfilterschwäche mit Reizüberflutung von Teilen des zentralen Nervensystems. Je nach Schweregrad des Betroffenseins ist somit die Verarbeitung der verschiedenen Wahrnehmungsreize von Anfang an beeinträchtigt.

Diese Reizüberflutung setzt Stresshormone frei, die das Befinden des noch jungen Säuglings beeinträchtigen können. Manche Säuglinge reagieren mit unstillbarem Weinen und großer Schreckhaftigkeit. Als Dauerstress kann das zur Schwächung des Immunsystems führen; Infektionen und Allergien können die Folge sein.

Ein dicht verzweigtes Netz von Nervenfasern ist eine Grundvoraussetzung für eine gute intellektuelle Entwicklung. In Verbindung mit Reizfilterschwäche kommt es zu dem für ADS/ADHS so typischen divergenten, vom Thema abschweifenden Denken. Die gestörte Reizfilterung überlastet das Arbeitsgedächtnis.
Ein frühzeitiges und regelmäßiges Anbieten von verschiedenen Wahrnehmungsreizen fördert die Bildung von Leitungsbahnen im Gehirn, die eine Automatisierung in der Reizverarbeitung ermöglichen. Diese Automatisierung der Reizverarbeitung ermöglicht erst ein schnelles und auf Erfahrung beruhendes, angepasstes und erfolgreiches Handeln und Denken. Es ermöglicht auch ein schnelles und richtiges Entscheiden.
Menschen mit ADS/ADHS fällt beides oft schwer. Kann abgespeichertes Wissen nicht schnell genug abgerufen werden, können sich Teilleistungsstörungen entwickeln. Der Mangel an entsprechenden Leitungsbahnen zur Automatisierung der Reizbearbeitung erschwert den Lernprozess.
Auch das so wichtige konvergente Denken, das zielgerichtet, konzentriert und themengebunden erfolgt, kann erschwert sein. Die Betroffenen werden durch eigene Gedanken und durch Umweltreize ständig abgelenkt.
Beim ausgeprägten ADS/ADHS besteht ein divergenter Denkstil (vielschichtig, auseinanderstrebend), der oft zum Abweichen vom Thema führt, aber auch das so wertvolle kreative Denken der Betroffenen ermöglicht. Sehr viele innovative Ideen, Erfindungen und Entdeckungen verdanken wir Menschen mit ADS/ADHS und ihrer besonderen Art der Wahrnehmungsverarbeitung. Menschen mit ADS/ADHS haben viele gute Eigenschaften und besondere Fähigkeiten, sie müssen sie nur zu nutzen wissen und mit einem guten Selbstwertgefühl durch die Schulzeit kommen.
Schlechte Konzentration
Viele Menschen mit ADS/ADHS klagen darüber, dass sie immer zu viele Gedanken gleichzeitig im Kopf haben, sich nur schlecht auf eine Sache konzentrieren können und dadurch vergesslich sind.
Ihr divergenter Denkstil macht es ihnen schwer, beim Thema zu bleiben und langen Gesprächen zu folgen. Beim Reden verzetteln sie sich durch zu viele Ideen, schweifen vom Thema ab. Ihre Gedanken bleiben nicht auf den „Autobahnen“, sondern durchfahren viele Nebenstraßen und bleiben dort auch manchmal hängen.
Menschen mit ADS sind oft außerordentlich kreativ, haben innovative Ideen, vorausgesetzt, sie verfügen über genügend Fachkompetenz und Selbstvertrauen.
Beim Erzählen oder Handeln verlieren sie leider manchmal den Faden und schweifen vom Thema ab. Dann wird das Schreiben von Aufsätzen zum Problem. Beim Lesen eines Fachtexts verlieren sich ihre Gedanken, sie haften an interessanten Nebensächlichkeiten, ohne das Wesentliche zu erfassen.
Besonderheiten beim Lernen
Beim Lernen wird das gut behalten, was für sie interessant, visuell oder emotional ansprechend dargestellt wird. Sie merken sich gern Nebensächlichkeiten, ohne den Zusammenhang zu begreifen. Ihre Zensuren in der Schule sind sehr abhängig von der Persönlichkeit des Lehrers, seinem Unterrichtstil und der Sympathie zum Lehrer sowie vom Interesse am Thema.
Menschen mit ADS lernen vorwiegend visuell, sie haben ein fotografisches Gedächtnis. Sie können sich besser konzentrieren, wenn sie beim Lernen mehrere Wahrnehmungskanäle gleichzeitig aktivieren. Das bedeutet vor sich hin sprechen, das Wichtige farblich markieren, wiederholen und dabei, wenn möglich, im Zimmer auf und ab gehen. Bei Stress, Ärger und emotionaler Erregung kann es zum Blackout kommen.
Menschen mit ADS können sich aber auch sehr gut und manchmal besser als andere konzentrieren, wenn sie von einer Idee fasziniert sind. Dann können sie hyperfokussieren und sind voll bei der Sache. Leider ist ihnen das für Routinetätigkeiten im Alltag nur selten möglich.
Stillsitzen beim Lernen verleitet zum Abgleiten der Gedanken. Deshalb alle möglichen Außenreize vermeiden: Keine Telefon- oder Handyanrufe annehmen, kein Fernsehen oder Radiohören beim Lernen. Manche können sich bei leiser Musik besser konzentrieren, was aber im Einzelfall erst zu überprüfen wäre. Kein Läuten an der Haustür durch Freunde gestatten während der festgelegten Hausarbeitszeit. Freunde, die nur fragen wollen, ob er oder sie zum Spielen kommt, beeinträchtigen die Lernmotivation und die Sorgfalt bei den Hausaufgaben ist vorbei.
Hausaufgabenheft und Hausaufgaben sollten kontrolliert werden bei Kindern mit und ohne ADS, deren Schulleistungen nicht ihren Fähigkeiten entsprechen. Die Begabung dieser Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADS/ADHS liegen oft weit über ihren tatsächlichen Leistungen.
Die Diskrepanz zwischen ihren Fähigkeiten und den tatsächlich erbrachten Leistungen spüren die Betroffenen. Sie leiden darunter, sind verunsichert und beginnen an ihren Fähigkeiten zu zweifeln, ihr Selbstwertgefühl gleitet in eine Negativspirale. Die hyperaktiven Kinder reagieren dabei aggressiv, die hypoaktiven resignieren und ziehen sich zurück.
Für ein erfolgreiches Lernen ist Motivation eine wichtige Voraussetzung. Sie aktiviert das neuronale Netzwerk für eine Informationsaufnahme. Deshalb ist die Vorsatzbildung mittels Selbstinstruktion wichtig für erfolgreiches Lernen.

ADS und Teilleistungsstörungen
Unter den ADSlern gibt es viel mehr sehr und hoch Begabte als man vermutet. Nur durch die verschiedenen Beeinträchtigungen können sie in ihrem Denken und Verhalten nicht sofort den Anforderungen entsprechen. Sie merken, dass sie oft zu langsam oder zu schnell und unüberlegt reagieren. Ihnen fallen bei emotionaler Erregung nicht gleich die passenden Worte ein.Durch Mangel an Botenstoffen und unzureichend angelegte Leitungsbahnen für die Reizverarbeitung können sie nicht so schnell über ihr abgespeichertes Wissen verfügen. Deshalb können sie viel schwerer aus Fehlern lernen und Entscheidungen treffen.
Der Mangel an dem zur Weiterleitung eines bestimmten Reizes erforderlichen Botenstoffes auf der dazu gehörigen Leitungsbahn erschwert auch die Automatisierung beim Abruf von Handlungen, verbalen Reaktionen und von Lerninhalten. So haben einige ADSler Probleme beim Rechnen und andere wiederum bei der Rechtschreibung oder beim Lesen.

Die Rechenschwäche beim ADS/ADHS zeigt sich bald nach der Einschulung. Der Betroffene ist nur schwer in der Lage, das Subtrahieren im Bereich von 1-20 zu automatisieren, er kommt vom Rechnen mit den Fingern nicht los. Auch andere Rechenwege werden nicht automatisiert, wie die Subtraktion im Hunderterbereich, das Einmaleins oder das Erlernen der Uhr. Das Umrechnen von Mengen erlernen sie nur über die Anschauung und die muss möglichst früh verinnerlicht werden. Wie viel ein Liter, ein Meter, ein Kilometer, eine Minute, eine Stunde von der Menge und vom Verhältnis zueinander ist. Das sollte schon vor der Einschulung spielerisch vermittelt werden.Die Lese-Rechtschreibschwäche: Lesen und Schreiben haben ein Reihe von Voraussetzungen, wie eine gute Konzentration, eine gute Merkfähigkeit, ein gutes Wortbildgedächtnis, eine ausreichende Intelligenz, ein gut abgestimmtes beidäugiges dynamisches Sehen, eine gute Differenzierung des Gehörten und eine gute Feinmotorik, insgesamt eine altersentsprechende Entwicklung. Die Wahrnehmungsverarbeitung kann beim ADS/ADHS in unterschiedlichster Weise beeinträchtigt sein. Sie beeinträchtigt dann das Lernen und sie hemmt vor allem die Motivation zum Lernen und Üben. Eine Leserechtschreibschwäche und/oder eine Rechenschwäche können die Folge sein.Hat ein Kind eine Lese-Rechtschreib- und/oder Rechenschwäche, sollte die Schwere seiner Beeinträchtigung der Wahrnehmungsverarbeitung untersucht und ein ADS/ADHS ausgeschlossen werden. Besonders dann, wenn Üben allein keinen ausreichenden Erfolg bringt. Dann empfiehlt es sich, nach Ursachen zu suchen und diese zu beseitigen. Noch viel zu oft wird nur am Symptom gearbeitet mit unzureichendem Erfolg.
Die Ursache beseitigen bedeutet z. B. das ADS/ADHS mit einem problemorientierten, persönlichkeitszentrierten und multimodalen Therapieprogramm zu behandeln. In meiner Praxis konnte ich bei vielen Kindern und Jugendlichen mit ADS/ADHS Probleme im Schreiben, im Lesen oder/und im Rechnen feststellen.

Besonders beim ADS ohne Hyperaktivität sind es nicht so sehr die Verhaltensstörungen, sondern die Lernstörungen, die das Kind auffällig erscheinen lassen. Schlechte Noten trotz guter Intelligenz und Fleiß haben Unzufriedenheit zur Folge, die Resignation, Ängste und psychosomatische Beschwerden auslösen können. Mit dieser Symptomatik werden dann diese oft intellektuell gut befähigten Kinder in der kinder- und jugendpsychiatrischen Sprechstunde vorgestellt.

 

B. ADS/ADHS und Intelligenz

Je intelligenter ein Kind ist, um so mehr leidet es unter seiner Problematik. Wenn ein hochbegabtes Kind im Diktat oder in der Rechenarbeit gerade mal eine schwache Drei hat, ist es enttäuscht über seine Leistung. Deshalb ist die Feststellung der Intelligenz bei der Diagnostik aller Teilleistungsstörungen wichtig.Die Untersuchung der Intelligenz bei allen Kindern mit schulischen Problemen ergab, dass Kinder mit ADS/ADHS im Vergleich zu den nicht betroffenen im Durchschnitt eine höhere Intelligenz haben. Insbesondere liegen z. B. beim HAWIK sowie beim Kaufmann intelligenztest die Anzahl der ermittelten IQ-Werte im Hochbegabtenbereich deutlich höher als 3%, so wie er bisher statistisch für die Durchschnittsbevölkerung angegeben wurde. Nach meiner Statistik haben etwa 5-6% aller ADSler einen IQ, der zumindest im Verbalteil im Hochbegabtenbereich liegt und das zu Beginn der Behandlung, also noch beeinflusst durch ihre ADS/ADHS bedingte Beeinträchtigung. Diese Feststellung deckt sich mit den Erfahrungen anderer Spezialisten, die schon über mehre Jahre intensiv und vorwiegend mit diesen Kindern arbeiten. Auf entsprechende wissenschaftliche Studien wird man erst dann zurückgreifen können, wenn auch Kinder und Jugendliche mit einem ADS ohne Hyperaktivität statistisch miterfasst werden, was bisher nicht immer erfolgt.
Wird ihre gute bis sehr gute Intelligenz nicht erkannt, entwickeln sich viele dieser hoch- und sehr begabten Kinder und Jugendlichen mit ADS/ADHS zu „Underachievern“, das heißt, sie bleiben weit unter ihren Möglichkeiten und leiden darunter. Wie das verhindert werden kann und wie man die Intelligenz aller Kinder mit und ohne ADS fördert, das habe ich ausführlich in meinem Buch beschrieben: „Kinder und Jugendliche mit Hochbegabung – erkennen, stärken, fördern, damit Begabung zum Erfolg führt.“ 2005 im Kohlhammer Verlag erschienen.

Dr. H. Simchen